Flachs- und Wollverarbeitung

Flachs- und Wollverarbeitung

Bevor in den ländlich geprägten Gebieten Hessens industriell gefertigte Textilien gekauft werden konnten, spielte die Herstellung von Wäsche und Kleidungsstücken eine große Rolle. Neben Wolle fand hierfür in erster Linie Flachs Verwendung. Dieser wurde fast überall angebaut, zu Leinen verarbeitet und in gebleichtem Zustand für die Fertigung von Leib-, Bett- und Tischwäsche oder auch Beuteln herangezogen. Der Flachs stand gewöhnlich hundert Tage lang auf dem Feld, bevor er gerauft wurde. Das heißt, der Flachsstängel wurde samt Wurzeln aus der Erde gezogen. Die getrockneten Flachsbündel wurden über einen eisernen Kamm, die Riffel, gezogen und damit die Samenkapseln abgetrennt. Die weiteren Arbeitsgänge hatten zum Ziel, die in dem Stängel verlaufenden Flachsfasern, aus denen später der Leinenfaden entstehen sollte, von den sie umgebenden holzigen Bestandteilen zu befreien.

Flachsernte und Flachsverarbeitung gehörten zum Arbeitsbereich der Frauen. Nach dem Spinnen wickelte man den Faden auf die Haspel und im Anschluss mit Hilfe des Spulrades auf kleine Holzspulen, von denen das Garn später für das Scheren (das Einrichten der Kette des Webstuhls) oder für das Weberschiffchen genommen wurde.

Das Prinzip des Webens besteht in einer Verflechtung von längs verlaufenden Kettfäden und einem quer verlaufenden Schussfaden. Obwohl vor der Industrialisierung in sehr vielen ländlichen Haushalten Textilien für den Eigenbedarf hergestellt wurden, gab es daneben seit etwa 1680 berufsmäßige Weber. Diese produzierten im Heimgewerbe meist für Händler, welche die Leinwand aufkauften und auf Messen und Märkten weiter vertrieben. Wegen der meist vorhandenen kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft waren die ländlichen Weber in Hessen von den Händlern wirtschaftlich nicht so stark abhängig wie etwa in Schlesien.

Der Lohn der Leineweber richtete sich allein nach der Absatzfähigkeit ihrer Produkte. Das Aufblühen des ländlichen Gewerbes und die Einfuhr des ostindischen Baumwollgewebes Kattune ließ zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Preise für Leinwand fallen. Dadurch verschlechterte sich die an sich schon bescheidene Lage der ländlichen Leinenweberei. Seit etwa 1850 bildete die aufkommende Maschinenweberei eine zusätzliche Konkurrenz für die Weber. Jetzt waren auch die letzten Handwerker gezwungen, in Lohnarbeit für kaufmännische Verleger zu arbeiten. So starb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Beruf des Handwebers allmählich aus. Zwar behaupteten sich einige Weber noch bis zur Hochindustrialisierung. Sie beschränkten sich jedoch häufig auf die Herstellung gemusterter Stoffe, die erst später maschinell gewebt werden konnten.

Im Haus aus Niedergemünden ist im Erdgeschoss eine kleine Ausstellung zu den Themen Flachs- und Wollverarbeitung zu sehen. Einige Schaukästen zur Hinterländer Stickerei gibt es im 1. Stock.

 

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Standort im Hessenpark