Flucht und Vertreibung

Flucht und Vertreibung

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges spitzte sich die ohnehin bedrohliche Situation für die in Ost-, Mittel- und Südosteuropa lebenden deutschen Bevölkerungsgruppen drastisch zu. Aus Angst vor der näher rückenden Roten Armee, gezielten Verfolgungen und Racheakten setzte sich eine Welle Hunderttausender flüchtender Deutscher Richtung Westen in Bewegung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fällten die alliierten Siegermächte im Rahmen der Potsdamer Konferenz den Beschluss, die gesamte in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei verbliebene deutsche Bevölkerung „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ auszusiedeln und in das verkleinerte Deutschland zu bringen. Dies zog ab dem Jahr 1946 eine Reihe organisierter Massenumsiedlungen nach sich. Um die sechs Millionen Menschen sollten ihre häufig seit Generationen besiedelten Heimatorte verlassen- und ihr Hab und Gut aufgeben. Mit Güter- bzw. Viehwaggons wurden die Menschen an einen ungewissen Ort und in eine ungewisse Zukunft befördert. Bis zum Jahr 1950 sollte allein das neu gegründete Bundesland Hessen um die 600.000 Vertriebenen aufnehmen. Ein Großteil von ihnen erreichte Hessen mit den rund 400 Ausweisungstransporten. Für einen solchen Sammeltransport wurden in der Regel 40 Güterwagen aneinander gekoppelt. Pro Waggon mussten jeweils 30 Personen mit ihrer wenigen Habe, die sie mitnehmen durften, Platz finden. Zugtransporte dieser Art, welche mehrere Tage oder Wochen unterwegs waren, umfassten jeweils bis zu 1.200 Menschen. Waggons dieses Bautyps waren dieselben, mit denen wenige Jahre zuvor Juden in die Konzentrationslager deportiert und dort zur Zwangsarbeit gezwungen oder ermordet wurden. In der Scheune aus Damshausen bekommt man einen Eindruck von einem solchen Eisenbahnwagen. Er steht hier für die Vertreibung der Menschen aus ihrer ursprünglichen Heimat und auch für deren Ankunft auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen.

Die Ausstellung ist derzeit in der Scheune aus Damshausen zu sehen.

Eine neue Dauerausstellung im benachbarten Haus aus Sterzhausen wird sich der Aufnahme und Eingliederung der Neubürger widmen: Versorgung, Unterbringung, Arbeitsaufnahme, Wohnungsbau, politische Teilhabe, Bewahrung des kulturellen Erbes der Herkunftsgebiete und erfolgreiche wirtschaftliche und kulturelle Integration in die hessische Nachkriegsgesellschaft. Die Vertriebenen besaßen bei ihrer Ankunft im Wesentlichen, was sie auf dem Leib trugen, und Gepäck, so viel sie tragen konnten. Die strikt begrenzte Mitnahme der eigenen Habe war auf etwa 30 Kilogramm beschränkt. Die der Heimat entrissenen Neuankömmlinge benötigten Möbel, Hausrat, Wäsche, Brennstoff und Lebensmittel. Es gab zunächst wenige Möglichkeiten für bezahlte Arbeit. Während der Erntemonate konnte man sich durch Mithilfe in der Landwirtschaft Naturalien verdienen. Eine berufliche Eingliederung der Vertriebenen erfolgte meist erst in den 1950er-Jahren. Die einstigen Erstquartiere wurden nun verlassen, um eine neue, eigene Bleibe in der Nähe des neuen Arbeitsplatzes zu beziehen. Die meisten Vertriebenen fanden keine Beschäftigung in ihren früheren Berufen. Viele verrichteten unqualifizierte Aushilfstätigkeiten in Industrie, Handel und Landwirtschaft. Einige ehemalige Selbständige und Unternehmer brachten neue Gewerbe nach Hessen, wie die Musikinstrumentenherstellung nach Nauheim/Hessen oder die Glasindustrie in den Hochtaunus.

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Standort im Hessenpark